Trauertattoos zwischen Prominenten  - Ausstellung auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg

Die Trauertattoos sind in prominenter Gesellschaft. Denke ich, als ich über bemooste Wege laufend einen Teil des größten Parkfriedhofs der Welt in Hamburg Ohlsdorf entdecke. An diesem Dienstag wird hier im Hauptgebäude die Trauertattooausstellung eröffnet. In unmittelbarer Nähe zu Roger Willemsen, Roger Cicero, James Last und Hellmuth Karasek. Sie alle fanden hier ihre letzte Ruhe. In Hamburg Ohlsdorf .

 

Vor der Ausstellung sehe ich mich um. Und entdecke Parallelen zu den Tattoos. Auch hier sind Worte und Symbole eingraviert, nicht auf der Haut, aber auf Stein. Auch hier finden sich Symbole der Trauer, so individuell wie die Menschen.

 

Claudia Bartholdi hat die Trauertattooausstellung nach Hamburg geholt. In das Verwaltungsgebäude direkt am Eingang. „Schon beim Aufstellen der Bilder haben mich die Leute angesprochen. Es entstanden sofort Gespräche. Die Bilder erwecken Aufmerksamkeit“, sagt die Bestatterin zur Begrüßung. Sie selbst hat sich 3 Jahre nach dem Tod ihrer damals 13jährigen Tochter ein Erinnerungstattoo stechen lassen: „Es ist nur für mich. Es zeigt eine Barke, Licht am Ende des Tunnels und Farbe. Diese Symbole habe ich damals geträumt.“  Inzwischen sind sie auch das Logo ihrer Firma „trauerlichtung - Bestattungen in Frauenhänden“ in Hamburg.


„Ich fand es erst schwierig, mit dem Thema Trauertattoos umzugehen“, gesteht Rainer Wirz, Bereichsleiter Friedhöfe in Hamburg und eröffnet die Ausstellung. „Aber je mehr ich mich damit beschäftigte, um so mehr veränderte sich meine Meinung. Ich wünsche der Ausstellung, dass sie den Menschen nahe geht, dass sich die Leute damit auseinander setzen. Ich wünsche mir, dass sie zum Nachdenken anregt und diese besondere Art der Darstellung der Trauer mehr Akzeptanz findet“.

 

Kurze Zeit später sind die Gäste ins Gespräch vertieft. Claudia Bartholdi spricht mit zwei zufällig vorbeikommenden Frauen über das Symbol des Schmetterlings. Dabei schauen sie immer wieder auf die Schmetterlingssymbole von Martina Otto. Sie hatte dieses Symbol tatsächlich auf dem Grabstein ihrer Tochter. Erst später kam ihr die Idee, genau dieses Symbol in ein Tattoo zu verwandeln. 

 

Auch Ina Marino ist angereist. Als wir sie für die Ausstellung vor zwei Jahren fotografierten, lebte ihre schwerkranke Tochter noch. „Schau mal“, sagt sie nun und hebt den Ärmel ihres Pullovers. „ich wollte mein Tattoo doch ergänzen um ein weiteres Tattoo, wenn Lucia stirbt. Sie starb am 8.November 2015. Ich habe gar keinen Schmerz empfunden beim Stechen.“

 

Erstmalig steht Angela Brandt-Migge vor ihrem eigenen Porträt. An ihrer Seite ihre jüngster Sohn Dorian. Der 7jährige zeigt mir das Foto, das ihm am meisten gefällt und zeigt dabei auf das Tattoo von Hallo Kitty: „Das ist witzig.“ Angela erzählt: „Noch habe ich mein Tattoo nicht ganz zu Ende gebracht. Aber ich habe es unbedingt vor. Es ist schon eigenartig, sich so groß zu sehen und es berührt.“

Sie alle finden sich hier wieder, in den Bildern, den Geschichten.“Ja, genau so ist es!“, dieses Gefühl habe ich beim Betrachten der Bilder, sagt Claudia Bartholdi. „Ja, ich weiß, wie sich Trauer anfühlt.“

 

Bereuen die Trauernden nicht irgendwann ihr Tattoos, fragt eine Besucherin. Ursula Gräfe ist selbst Besucherin und entfernt beruflich Tattoos auf Wunsch: „Gerade war eine junge Frau bei mir. Sie hatte sich in Erinnerung an ihre verstorbene Großmutter den Spruch in italienischer Sprache: „Ich lege meine Hand auf deine Schulter“ auf ihre eigene Schulter tätowieren lassen. Auf die andere Schulter das Geburtsdatum der Oma. Sie wollte die Nähe zu ihrer Oma unmittelbar nach deren Tod spüren. Doch inzwischen hat sie die Trauer um ihre Großmutter integriert und braucht das Tattoo nicht mehr.“

 

Claudia Bartholdi hat ein Gästebuch ausgelegt, um jedem Besucher einer Chance zu geben, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken. Sie sagt: „Die Friedhofskultur ist im Wandel. Auch der Ausdruck der Trauer wandelt sich.“ Das zeigen auch die zahlreichen Tattoos in der Trauer.

 

Als ich das Hauptgebäude verlasse, gehe ich noch einmal über die den weitläufigen Friedhof. Ich habe nur einen Bruchteil gesehen. 391 Hektar Fläche sind es insgesamt - so viel wie 566 Fußballfelder. Und ich hänge der Frage nach: Hätten sich die Angehörigen von Hans Albers, Wolfgang Borchert oder Heinz Erhardt jemals in Ihrer Trauer ein Tattoo stechen lassen, wenn Tattoos damals einen besseren Ruf gehabt hätten? Gedanken auf dem Ohlsdorfer Friedhof, dem größten Parkfriedhof der Welt.

 

Ausstellungszeit

7.2. bis 3.3.2017

 

Montag -Donnerstag 9-16 Uhr

Freitag 9-15 Uhr

 

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Ohldorfer Friedhof Hamburg

Verwaltungsgebäude

 

Fuhlsbüttler Straße 756

22337 Hamburg



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